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Die Presse
Wien, 12.07.2005

Carinthischer Sommer: Archaische Musik auf drei Beinen

Carinthischer Sommer. Meditative Eröffnung mit Arvo Pärts Kirchenoper "Der Weg".

"Ich verwende bewusst sehr begrenzte Mittel. Wenn ein Tisch vier Beine hat, kommt es vor, dass er wackelt [...]Wenn der Tisch aber drei Beine hat, kann er gar nicht wackeln [...] Ich hoffe, dass es mir gelingt, eine dreibeinige Musik zu schreiben", sagte Arvo Pärt einmal über seine Art zu komponieren. Dass der estnische Tondichter ein Meister der Reduktion ist, ist ja nichts Neues. Und so war es auch nicht überraschend, dass in seiner Kirchenoper "Der Weg" die Verdichtung, die Konzentration vorherrschende Prinzipien sind.

Nichts, oder besser gesagt, fast nichts, ist hier zu viel. Kein Ton, kein Wort, keine Bewegung, kein Lichtstrahl - allenfalls die zwei Tänzerinnen, deren Bedeutung für die Handlung sich nicht weiter erschließt, ein überflüssiger Regieeinfall, der in dieser asketischen Umgebung umso stärker ins Auge sticht. Entstanden ist "Der Weg" eigens für den Carinthischen Sommer. Allerdings ist es keine Neukomposition, sondern eine Kompilation bekannter Pärt-Stücke, die durch einen Text von Helmut Deutsch und die Regie von Heinz Trixner mit einer zusammenhängenden Handlung unterlegt wurde. Diese ist schnell erzählt: Ein "Junger", gespielt von Alexander Strömer, findet sich in ungewohnter Umgebung wieder, desorientiert im physischen wie im metaphysischen Sinne. "Fern bin ich dem Glauben meiner Kinderzeit. Geschäft und Konferenz, Arbeit und Zerstreuung sind die Pfeiler meiner Existenz", meint er zu Beginn. Doch, wie schon die Anfangsszene zeigt, "entwickelt" sich der Jüngling noch. Das schwarze Tuch, das ihm die Augen verhüllt wird heruntergewickelt und auch innerlich wird der mit sich Hadernde zum Sehenden. Der "Alte" (Rainer Hauer) weist ihm den richtigen Weg: durch Gespräche, Gleichnisse und Gebete. Das Stück endet szenisch mit einer Hinwendung zum Göttlichen, konsequenterweise also im Altarraum.

Beide Darsteller glänzen durch Souveränität und Sprachgewalt: Den immer an der Grenze zur Banalität schrammenden Text präsentieren sie mit einer Inbrunst, die weder Pathos noch Zweifel aufkommen lassen. Die Inszenierung zeichnet sich, wie gesagt, durch Einfachheit aus, manchmal wirkt sie aber auch einfach nur banal. Etwa wenn die Tänzerinnen (Suely Cozzolino Alvares Garcia, Tanja Müller) körperlich um das Seelenheil des Jünglings ringen.

Jedenfalls lenkt sie nicht von der Musik ab, verstärkt eher das archaische Erlebnis, das durch diese entsteht. "Mein Weg" (1989/99, rev. 2000), "De Profundis" (1980), "Zwei Beter" (1998) "The woman with the Alabaster Box" (1997), "L'abbé Agathon" (2004, Uraufführung der Neufassung) und das "Te deum" (1984/85, rev. 1992) sind in kluger Abfolge zu hören. Die meditative Stimmung wird so immer dichter, implodiert im abschließenden Choralgesang. Pärts typischer Tintinnabuli-Stil verbindet sich mit gregorianisch anmutenden Passagen zu einer unnachahmlichen Einheit.

Großartig zeigten sich alle Interpreten: Der Arnold Schoenberg Chor besticht durch Transparenz und Dynamik, die Camerata Salzburg unter Erwin Ortner spielt, als würde sie seit Jahren ausschließlich Arvo Pärt spielen: mit einer Souveränität, die ihresgleichen sucht. Wunderbar auch der glockenklare, feste Sopran von Berit Barfred-Jensen.

Wh: 22., 23. Juli, 7., 8., 21., 22. August, 20.30 Uhr. Einführung durch den Intendanten jeweils um 20 Uhr, Karten: 04243/2510.

[Wilhelm Sinkovicz]

Die ASC CD-Edition:

 
ASC Edition 2
ASC Edition 3
TANTUM ERGO

ASC Edition 4
 
ASC Edition 5

Messe h-moll

 
ASC Edition 7
Maria!
ASC Edition 8
LUX!
 
ASC Edition 9
DER TOD TANZT.
ASC Edition 10
Stille Nacht
 
ASC Edition 11

Komm,
Jesu, komm

ASC Edition 12
Die Nacht ist kommen