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Neue Zürcher Zeitung
Gebärdensprache

Haydns "Schöpfung" unter Harnoncourt

Zu Beginn zähe Gebärden des Werdens, Klangfarben schälen sich mühsam auseinander hervor, ineinander zerfliessende Linien malen verschlungene Bewegung; später zeichnen die Töne Bilder, naiv anmutend, Rhythmen fügen sich tänzerisch: Das Gebaren von Joseph Haydns Musik, das Gebärdenspiel in dessen Oratorium "Die Schöpfung" kommt jenem Musizieren entgegen, das jede Phrase auf den ihr angemessenen Gestus hin befragt. Und Nikolaus Harnoncourt der dies wie kaum ein anderer tut, betont, dass der Musik das erste Wort gehört: Deutliche Zäsuren trennen in den vom Orchester ergänzten Rezitativen die Bilder voneinander, die zuerst die Töne schildern, bevor sie durch die Sprache fixiert werden. Und auch anderswo werden vor den Worten musikalische Abbilder gesucht, dort etwa wo die Celli in den fruchtbar vermehrten Stimmen auch wirklich singen, wo vom Singen die Rede ist. Gleich doppelt weist solches Malen zurück, ins Vergangene der epischen grossen Erzählung, aber auch in schon zu Haydns Zeiten vergehende musikalische Traditionen.
Anderes hingegen drängt zu Vergegenwärtigung, jene dramatischen, opernhaften Farben, die zumal von den Solostimmen eingebracht werden. Luba Orgonasova, Roberto Saccá und Alfred Muff verstärken diese in der Komposition bereits angelegten Züge noch, manche Rezitative geraten dramatisch, der Schlussdialog zwischen Adam und Eva wird unverholen zum Liebesduett. Da zwischen vermittelt das Orchester der Oper Zürich, vor allem aber der ausgezeichnete Arnold Schoenberg Chor Wien (Einstudierung: Erwin Ortner), der auch in den grossen Steigerungen, ob wohl beinahe sich übersteigernd, nirgends in schreiende Tönungen ausbricht. Vermittelnd wirkt schliesslich auch die ungemein raffinierte, beinahe manierierte Tempoarchitektur, die Harnoncourt im Grossen Saal der Zürcher Tonhalle vor Ohren stellt: Da werden verschiedene Temposchichten - etwa zwischen Chor und Duett im dritten Teil - jäh gegeneinandergestellt, und immer trifft die Gangart der Musik, bisweilen überraschend, den eingeborenen Gestus des musikalischen Sprechens. - Das Konzert wird am 26. Juli, 19 Uhr, von Schweizer Radio DRS 2 ausgestrahlt.

Patrick Müller

Maria! 20 Geistliche Gesänge
(Johannes Brahms)
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